Nachgedacht Oktober/ November 2017

Fünfhundert Jahre ist es nun her...

dass Martin Luther am 31. Oktober 1517 Thesen gegen den Ablaßhandel in Wittenberg publizierte. Aufgerüttelt durch den himmelschreienden Mißbrauch der altehrwürdigen Bußpraxis verfasste der junge Theologieprofessor aus dem Augustinereremitenorden einen prägnanten Angriff gegen gewissenlose Seelenverkäufer aus dem Dominikanerorden. Zuständigkeitshalber sandte er seinen scharfen Angriff auch an den Mainzer Erzbischof Albrecht von Brandenburg. Da dieser ahnte, dass die Provokationen des gelehrten Mönchs Sprengstoff  enthalten könnten, wandte er sich hilfesuchend an Rom. Von dort erging dann nach jahrelangem Zögern die Bannbulle – der Papst hatte politische Rücksichten auf den Deutschen Kaiser und seine Kurfürsten zu nehmen. Im Gestus des zornigen Jesus, der empört die Händler und Krämer aus dem Tempel herausprügelte, verbrannte Luther am 10. Dezember 1520 vor den Toren Wittenbergs diese seine kirchenamtliche Verbannung in die Hölle samt dem kanonischen Rechtscorpus und exkommunizierte den Bischof von Rom.

Diese vielleicht anmaßende, aber von vielen Zeitgenossen als längst überfällig empfundene Geste spaltete die Einheit der Kirche um ein weiteres Mal. Dies war von dem demütigen Mönch so niemals beabsichtigt worden. Vielmehr wollte er durch das Entlarven des selbsternannten Oberhauptes der Kirche als zutiefst verdorbenen Antichristen und seinen symbolischen Rauswurf den Weg für eine umfassende Reform der Kirche frei machen. Diese sollte sich – so seine Hoffnung - in ihrer allumfassenden „Katholizität“ (also als eine einige Weltkirche) in eine „evangelische“ Kirche (also vom Evangelium getrieben) reformieren.

Es kam anders – wie wir wissen. Bis heute haben wir zwei Kirchen, die trotz ihres ehrlichen Engagements beide immer noch und immer wieder zutiefst reformbedürftig sind. Daran arbeiten wir gemeinsam in tiefer ökumenischer Verbundenheit – und werden gerade darin dem Anliegen Luthers gerecht. Wehrte er sich doch von Anfang an gegen alle radikalen Veränderungen an den bestehenden Verhältnissen, die manche seiner Vertrauten anstrebten. Nur behutsam entrümpelte er die überlieferte Messfeier, reformierte die Beichtpraxis und hielt gegen alle Unkenrufe rationalistischer Philosophen aus der reformierten Schweiz am Geheimnis der Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi im Glauben der Empfangenden fest. Umgekehrt bemühte sich spätestens das 2. Vatikanische Konzil ab 1962 die vielleicht grundlegendste Erkenntnis Martin Luthers auf ihre Weise sich zu eigen zu machen.

Luther erkannte nämlich, dass allein der Glaube – und nichts anderes als der Glaube – den Menschen vor Gott selig macht. Mein Glaube aber ist meine ganz persönliche Beziehung zu Gott, die mir als kleinem Sünder immer wieder neu von Jesus Christus geschenkt wird. In dieser Hinsicht stehen alle Christen auf dem gleichen Fundament. Es kann darum keine Schar ausgewählter Priester geben, die dem großen Heer der von ihnen abhängigen Laien an Heiligkeit und Gottesnähe vorgeordnet sind. Vielmehr sind wir alle Priester: Unterschiedslos lebt jeder von uns von dem einen Wort, das aus dem Munde Gottes kommt. Um dieses Gotteswort jedem Priester im Gottesvolk aber zugänglich zu machen, übersetzte Luther auf gründlicher wissenschaftlicher Basis die originalen hebräischen und griechischen Texte der Bibel in eine verständliche deutsche Sprache. Jeder Christ und jeder Kritiker des christlichen Glaubens gleichermaßen hat seither die Chance, das Wort Gottes unmittelbar und unverstellt durch irgendwelche hierarchischen Zwischeninstanzen und selbsternannte Autoritäten authentisch in seiner eigenen Lebenswelt zu hören und davon seinen Alltag bestimmen zu lassen.

Dieses Priestertum aller Gläubigen hat eine weitere fundamentale Konsequenz. Auch die priesterliche Aufgabe, regelmäßig Gottesdienst  zu halten und den Glauben zu fördern, wurde rundum demokratisiert und jedem Christen zugetraut und zugleich zugemutet. Luther erfand für diesen Gottesdienst im Alltag aller Gläubigen sogar ein eigenes Wort. Er nannte es den „Beruf“: Gott loben ist unser Amt – wie es in einem alten Kirchenlied heißt. Wer immer seinen „Beruf“ redlich ausübt, wer in ihm nicht nur einen „Job“ zum Broterwerb sieht, sondern aus innerer „Berufung“ heraus seinen Mitmenschen in seinem Zuständigkeitsbereich mit seinen je eigenen Talenten dienen will – der baut am Reich Gottes. Unser Beruf ist der demokratische Gottesdienst aller Gläubigen, damit Gott als König unseres Leben und unserer Gesellschaft verkündigt wird. Zahllose Christen – darunter auch viele Polizisten - engagieren sich seither mit voller Hingabe in ihrem Beruf, den sie als Berufung verstehen, und verrichten mit diesem Dienst am Bürger zugleich ihren immerwährenden und andauernden Gottesdienst zur Ehre Gottes.

Autor: Martin Schulz-Rauch

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