Nachgedacht - Dezember 2016

Advent – Advent …

Wohl selten fallen Erwartungen und Realität so weit auseinander wie in der berüchtigten Adventszeit. In diesen Wochen sehnt jeder sich nach Besinnung und Einkehr, erlebt aber übervolle Terminpläne und wildes Hetzen. Beim Hören vertrauter Lieder und festlichem Kerzenschmuck steigen wohlige Erinnerungen an unbeschwerte Kindertage auf; zugleich spüren wir die Last der Verantwortung, die auch in Auszeiten umtreibt und die Ruhe stiehlt. Manchmal gelingt es für eine kurze Stunde abzuschalten und etwa in den Adventskonzerten der Polizeiseelsorge das Hamsterrad zu arretieren und den Gedanken Freigang zu gewähren. Doch bald hat die Realität uns wieder hart im Griff, und die Vorbereitungen auf das große Fest lähmen jeden Sinn zur Einkehr. Aktenberge abarbeiten, Geschenke besorgen, Geschäftsjahre beenden, Festschmuck montieren, Bilanzen ziehen, Gänsebraten ordern – alles auf den großen Tag hin. Damit wir zum festgelegten Datum mit vielen anderen (leider nicht allen) - hoffentlich (leider nicht immer) – aus der Tretmühle aussteigen dürfen, die Familie und das vertraute Zusammensein genießen und durch die Zuwendung unserer Liebsten das eigentlich Wichtigste erleben können – damit ein bewegtes Jahr in Ruhe ausklingen kann.

Der Advent dient der Vorbereitung. So sieht es der kirchliche Kalender seit Jahrhunderten vor. Wer sagt, daß Vorbereitungen ruhig ablaufen müssen? Wer den Jahresurlaub mit der Familie vorbereitet, Koffer packt, den Campingwagen bestückt und noch hektisch Sonnencremes und Badeklamotten kauft, wer im Verein ein Festchen plant oder seinen Geburtstag groß feiern will – der kommt immer ins Schwitzen. Vorbereitung macht Arbeit – Advent war schon immer eine arbeitsreiche Zeit. Nun mögen Kulturkritiker einwenden, Geschenkewahn und Konsumterror sei gewiß nicht im kirchlichen Sinn. Doch unbestreitbar bleibt - im Advent bereiten wir uns auf Großartiges vor: Es geht bald nämlich wieder aufwärts! Noch leben wir im Finsteren - dringen immer tiefer in die Finsternis ein. Und das nicht nur in der Natur: Der Blick auf das Weltgeschehen, auf katastrophale Volksentscheide und Wahlergebnisse, auf weltumspannnenden Terror und tausendfaches Sterben im Mittelmeer – lassen uns erschaudern vor der Finsternis.

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht“ – so sieht der Prophet Jesaja den Advent. Wir schauen voraus auf die große Zeitenwende, wenn nicht nur die Sonne sich kehrt, sondern Christus wachsen wird in unserem Leben und der ganzen Welt. Wir bereiten uns vor auf das große Fest, wenn Christus das Friedensreich Gottes endgültig aufrichtet. Dazu lenkt das Kirchenjahr, das mit dem ersten Advent beginnt, von Weihnachten, über Ostern und Himmelfahrt bis zum Pfingsttag unsere Phantasie auf das stets heller strahlende ewige Licht, auf das wir in Christus unweigerlich zugehen. Seid gerüstet – Advent ist Rüstzeit – nichts anderes!

Und erhebt Eure Häupter, weil sich Eure Erlösung naht!

Autor: Martin Schulz-Rauch

« Zurück