Nachgedacht im Mai

„Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist …“

Als ich diesem Satz kurz vor Oster in einem „Zuspruch“ im Radio hörte, musste ich sofort daran denken, dass das Spiel auch in meiner Familie ein beliebter Zeitvertreib war. Auch bei den weiteren Worten der Autorin fand ich mich wieder: 

Wir spielen es überall: im Stau, im Wartezimmer, am Bahnsteig. Das gefällt mir. Außerdem finde ich schön, dass bei diesem Spiel die Aufmerksamkeit geschärft wird. Ich muss darauf achten, was in meiner Umgebung zum Beispiel eine bestimmte Farbe hat. Denn die Spielregel lautet: Derjenige hat gewonnen, der zuerst den Gegenstand errät, den der erste Mitspieler im Blick hatte.

Und auch die weiteren Gedanke sprachen mich an und ich möchte sie hier mit Ihnen teilen:
In dieser Zeit der Epidemie wird unser Blick auch gelenkt: auf das eine Thema „Das Virus und seine Folgen“. Die gesellschaftliche und mediale Aufmerksamkeit schaut plötzlich hauptsächlich in eine bestimmte Richtung: Alles dreht sich um „Corona“ und die verschiedenen Aspekte dieses Themas.

Letzte Woche habe ich eine Anzeige gesehen. Die hat meine Blickrichtung wieder etwas geändert. In der Zeitung war eine halbseitige Anzeige abgedruckt: „Wenn niemand mehr über inhaftierte Journalisten berichtet, heißt das, dass alle frei sind?“

Die Frage macht mich nachdenklich, denn natürlich ist es eine rhetorische Frage und die Antwort ist klar: „Nein!“. Die Frage macht mich aufmerksam darauf, was alles aus meiner Wahrnehmung weggerückt ist, seit das Corona-Virus das alles beherrschende Thema ist. Plötzlich fallen mir die Themen wieder ein, die noch vor wenigen Wochen ganz oben auf den Titelseiten standen: Die Kinder im Flüchtlingslager auf Lesbos. Die Heuschreckenplage in Ostafrika. Die Klimakrise. Was ist daraus geworden? Ich suche ein bisschen nach Informationen und siehe da: Alle Krisen noch da – zum Teil noch schlimmer, denn das Corona-Virus macht selbstverständlich auch vor Flüchtlingslagern nicht Halt. Ich überlege mir: Es ist ja auch meine Entscheidung, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte.

Nun haben wir zwar in den letzten Wochen mehrere Kinder aus Lesbos ausgeflogen, 12 nach Luxemburg und 50 nach Deutschland – ein (sehr kleiner) Anfang, mehr aber auch nicht.
Dabei ist es wichtig die anderen Themen nicht aus dem Blick zu verlieren. Aber wie? Psychologen sagen, dass wir als Mensch nur zwei bis drei größeren Themenkomplexe über einen längeren Zeitraum im Blick behalten können, welches dies sind, dass hängt natürlich auch von den Medien ab. Was dort gesagt und gezeigt wird, darin in unser Bewusstsein und nimmt Raum ein.
Aber wir haben auch die Möglichkeiten immer wieder unseren Fokus neu zu schärfen und nach dem zu fragen, was es sonst noch gibt. Und wir haben – auch durch die neuen Medien in den sozialen Netzwerken – die Möglichkeit diese Themen wieder in dem Blick anderer zu bringen. Und so möchte ich Sie auffordern, sich – immer mal wieder – die Frage zu stellen: „Was sehe ich, was ‚du‘nicht siehst…“

Und teilen Sie das, was Sie dabei ‚sehen’ auch anderen mit. Wie und wo auch immer.
Gern auch mir, in dem Sie mir schreiben. So können wir auch das im Blick behalten oder wiederbekommen, was durch das Virus vielleicht viel zu schnell in Vergessenheit geraten ist…

Autor: Markus Reuter

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