Predigt im Gottesdienst zur Vereidigung am 21.7.2019

„Stecke das Schwert an seinen Platz. Denn wer das Schwert nimmt, der soll durch das Schwert umkommen.“

Liebe Kommissarsanwärterinnen und –anwärter, liebe Gemeinde,

das waren die Worte Jesu bei seiner Gefangennahme in Jerusalem, kurz vor seiner Hinrichtung. Etwa 2000 Jahre ist das her. Der Mob war ausgerückt mit Stöcken und Knüppeln, um Jesus vor ein römisches Gericht zu zerren. Es entstand ein Handgemenge, in dem ein Sympathisant Jesu sein Schwert gezückt und zugeschlagen hatte. Umgehend hatte Jesus ihn zurechtgewiesen: „Stecke das Schwert an seinen Platz. Denn wer das Schwert nimmt, der soll durch das Schwert umkommen.“ Waffe weg!

Vor dem Hintergrund dieser Geschichte sind wir, so könnte man meinen, heute Morgen in einer Kirche fehl am Platz. Denn Sie, liebe Studentinnen und Studenten, werden u.a. dazu ausgebildet, gleich mit zwei notfalls auch tödlichen Waffen professionell umzugehen, mit Pistole und Schnellfeuerwaffe. Sie werden einen Eid darauf ablegen, dass Sie auf der Grundlage von Verfassung und Grundgesetz einstehen wollen für die Freiheit und den Schutz der Menschen in unserem Land. Um Freiheit und Schutz zu gewährleisten, erklären Sie sich auch dazu bereit, in rechtlich begründeten Ausnahmesituationen Ihre Waffen einsetzen. Die jesuanischen Botschaft heißt aber „Waffen weg!“             Was genau ist in der beschriebenen Situation damit gemeint? Der namentlich nicht genannte Schwertträger, der Jesu Gefangennahme mit Waffengewalt verhindern wollte, war in dieser Situation mit großer Sicherheit      überfordert. Viele Menschen in Israel glaubten damals, dass mit Jesus von Nazareth der lang ersehnte göttliche Erlöser gekommen war. Und zwar handfest, diesseitig und höchst politisch. Sie hofften, er würde sie von der Fremdherrschaft der römischen Besatzungsmacht befreien, so dass sie dann ein Leben in Freiheit und Frieden leben könnten, so wie wir es heute können. Die Fremdherrschaft durch die Besatzer war für sie demütigend: Meinungs- und Religionsfreiheit waren spürbar eingeschränkt. Rom erhob Steuern von den unterworfenen Völkern. Der freie Handel war durch überhöhte Zölle

eingeschränkt. Das Land war voller Kollaborateure. Dazu gehörten insbesondere die Zolleintreiber aus den eigenen Reihen. Als nun der erhoffte Erlöser abgeführt wurde, brach für viele eine Welt zusammen. Und wie das bei uns Menschen oftmals ist, wenn die Lage aussichtslos wird und wir uns ohnmächtig fühlen, verwandelt sich unsere Ohnmacht in Wut und Aggression, sei sie körperlicher oder auch verbaler Art.

Für solche Situationen gilt der radikale Satz: „Wer das Schwert nimmt, der soll durch das Schwert sterben.“ Waffe weg, denn diese Anwendung von Waffen, die zur Kompensation der eigenen Ohnmacht dient und nicht etwa zur Notwehr oder Nothilfe, kennt keine Grenzen und ist willkürlich. Sie bricht jedes geschriebene und ungeschriebene Recht dieser Welt.

Und dennoch! Dennoch ist es oft so, dass Menschen zu Gewalt und Unrecht neigen, physisch oder verbal, wenn sie nicht mehr weiter wissen.

Ich möchte dazu eine Geschichte vorlesen die viel mit uns selbst zu tun hat. Einige kennen sie bereits, und sie geht so:

Das Tor zum Himmel

Einmal kam ein Samurai zu einem weisen Mann. Der Samurai war Heerführer im Dienst des japanischen Kaisers und beherrschte die Kampkunst beinahe fehlerfrei. Weil er es so gewohnt war, ging er an der Reihe derer vorbei, die darauf warteten, sich bei dem weisen Alten einen Rat zu holen. „Ich habe oft gesiegt und die Menschen achten mich“, sprach der Samurai zu dem Alten. „Ich habe alles gelernt, was es zu lernen gibt. Zwei Dinge aber kenne ich nicht: Sag mir, weiser Mann, wo ich das Tor zum Himmel und wo das Tor zu Hölle finde!“ Der Alte schaute auf und sagte freundlich: „Du bist noch nicht an der Reihe." Überrascht ob einer solchen Zurechtweisung wusste der Samurai nicht, ob er sich fügen oder dem Alten den Säbel unter das Kinn  halten und ihm zeigen sollte, wer hier das Sagen habe. Schließlich fügte er sich und wusste selbst nicht warum. Als der Tag sich neigte, bedeutete der Weise dem mächtigen Krieger, zu ihm zu kommen. Dieser aber sprach zu dem Alten: „Den ganzen Tag habe ich dich beobachtet, wie du den Menschen zugehört und sie beraten hast. Dabei kam ich mir selbst immer kleiner und nichtiger vor.“  Sprach der Alte: "Mir scheint, du weißt nicht wer du bist, ohne Macht und ohne Säbel. Es fehlt Dir an Erkenntnis über dich selbst." Da ergrimmte der Samurai und zog seinen Säbel, um dem Alten den Kopf abzuschlagen. Dieser hob die Hand und sprach: „Das, mein Krieger, ist das Tor zur Hölle. Du wolltest es kennen lernen.“ Verwirrt ließ der Samurai den Säbel sinken. „Und das,“ sprach der Alte und deutete auf die sinkende Waffe, „das ist das Tor zum Himmel.“

Ich glaube, es ist gar nicht diese letzte Szene, worum es im Kern geht.  Sie ist nur die Quintessenz. Der Kern der Geschichte liegt in dem Moment der Veränderung und der Selbsterkenntnis des Samurai. Während der siegesgewohnte Krieger den Alten    beobachtet, wie er die Menschen berät, passiert etwas in ihm. Selbstzweifel stellen sich ein. Er, der Große, der immer vor der Lage ist und sie zu einem klaren Ende bringt, er fühlt sich immer kleiner. Was ist da geschehen? Offenbar liegt etwas noch Größeres in der Art des Alten, mit den Menschen umzugehen. Es lässt die bisherige Größe des Samurai aus Macht und Stärke zusammenschrumpften. Das verunsichert ihn sehr, und er stellt sich und dem Alten die Frage: Wie kommt es, dass ich mich so klein fühle, wenn ich dir zuschaue?

So zu fragen ist unglaublich mutig. Der große Krieger gibt vor sich selber und dem Alten zu, dass er sich klein fühlt. Er hat den Mut, dies schambesetzte Gefühl auszusprechen. Wie kommt es, dass ich mich neben dir so klein fühle? Der Alte antwortet in derselben schlichten Klarheit wie zu

Beginn: „Mir scheint, du weißt nicht wer du bist, ohne Macht und ohne Säbel." Und weiter: "Es fehlt dir an Erkenntnis über dich selbst.“ Nun ist der Samurai auch nur ein Mensch wie wir alle. Er definiert sich in weiten Teilen über das, was er kann und was er leistet und über sein Ansehen bei den Menschen. Und deshalb wirft es ihn aus der Bahn, wenn einer ihm sagt, dass seine Leistung und sein Können und sein Ansehen nicht wirklich etwas taugen, um zu wissen, wer er ist. Hätte der Alte Unrecht, bliebe der große Krieger gelassen. Doch sein Grimm und sein Zorn beweisen, dass der Alte ins Schwarze getroffen hat. Die Hilflosigkeit verwandelt sich in ungebremste Gewalt.    

Auch in unserem Leben gibt es solche Wendungen, liebe Polizeigemeinde, in denen aus Hilflosigkeit und Ohnmacht Wut oder Gewalt werden können, wenn auch meistens nicht so dramatisch und eher verbal. Jeder hat damit schon Erfahrung gemacht. Wie wollen wir damit umgehen? Wie werden Sie damit umgehen, liebe Anwärterinnen und Anwärter, wo Sie mit so viel Macht ausgestattet werden, mit Sonderrechten, mit Eingriffsrechten? Wie wollen wir damit umgehen, wenn wir uns hilflos fühlen und unsere

Hilflosigkeit uns überfordert? Es wäre schon viel, wenn wir - wie der Samurai - dies vor uns selber zugeben könnten.

Die Bibel ist voller Geschichten von Menschen, die mit sich selbst überfordert sind. Das ist das Schöne an ihr. Auf eine Geschichte möchte ich zum Abschluss eingehen. Es ist die von dem jüdischen Zöllner. Herr Moog hat sie vorhin gelesen. Es geht um diesen Zollbeamten in jener Besatzungszeit, von der zu Beginn die Rede war. Ein Zollbeamte, der mit den Römern unter einer Decke steckte, der von seinen Landsleuten erhöhte Zölle eintrieb und dafür von Rom Privilegien erhielt. Bei so einem Zöllner kehrt Jesus mit seinen Freunden ein; es sind auch andere Zöllner da, und die Menschen empören sich       darüber – zu recht, wie wir wahrscheinlich alle      meinen: „Wieso gibst du dich mit solchen Sündern Betrügern ab?“ Jesus antwortet einfach und klar, ähnlich wie der Alte in der Geschichte vom Samurai: „Die Gesunden brauchen keinen Arzt, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, um Sünder in die

Gemeinschaft mit Gott zu rufen und nicht solche, die sich ohnehin für gut genug halten“ (Mt. 9).

Die Gesunden brauchen keinen Arzt, sondern die Kranken. Es sind nicht solche Krankheiten gemeint, die medizinisch behandelbar sind. Kranksein bedeutet hier überfordert sein. Überfordert wie der Sympathisant Jesu, der in seiner Ohnmacht das Schwert zieht; überfordert wie der Samurai, der den Säbel schwingt, weil er die Wahrheit über sich selber nicht aushält; überfordert wie der jüdische Zollbeamte, der sich ködern lässt von den Römern für ein paar lausige Privilegien. Kranksein bedeutet hier, überfordert zu sein mit sich selbst und Dinge zu tun, die man hinterher vielleicht bereut, für man sich hinterher schämt, weil wir wissen, dass wir damit anderen Menschen Unrecht getan und vielleicht sogar ihre Würde verletzt haben. "Die Gesunden brauchen keinen Arzt, sondern die Kranken."

Haben wir den Mut, uns einzugestehen, dass wir manchmal überfordert sind - mit unserem Leben - und mit unserem Beruf? Das wäre unendlich viel. Haben wir den Mut, uns einzugestehen, dass wir manchmal nicht weiter wissen? Haben wir den Mut, dann um Hilfe zu bitten?

Der Beruf, den Sie gewählt haben, liebe Anwärterinnen und Anwärter, lädt nicht gerade dazu ein. Doch dieser Beruf wird Sie immer wieder an Ihre Grenzen bringen. Sie werden sich manchmal überfordert fühlen und kurz vor dem Explodieren stehen und sollen dennoch nüchtern und sachlich nach Recht und Gesetz handeln. Meistens wird Ihnen das gelingen. Manchmal nicht. Das ist das Risiko, auf das Sie sich heute bei Ihrer Vereidigung einlassen.

Bei Gott aber, das glauben Christen, ist die Größe - unabhängig von irgendeinem Risiko, irgendeinem Beruf, einer Leistung, einem Ansehen, einem Scheitern und unabhängig von einem Eid - uns als die Menschen gelten zu lassen, die wir sind, auch und gerade mit unserer Überforderung. Christen vertrauen der Vollmacht Gottes, uns ins rechte Licht zu setzten mit unserer ganzen Unvollkommenheit     und Fehlerhaftigkeit.

Diese Botschaft von der Rechtfertigung des Überforderten steht in Spannung zu Jesu Warnung vom Anfang: "Wer das Schwert nimmt, der soll durch das Schwert umkommen." Solche Spannungen

ziehen sich durch die ganze Bibel, und das ist gut so, denn sie sind ja ein Teil unseres Lebens. In dieser Spannung müssen wir leben und arbeiten. Und was für uns Menschen so oft unmöglich scheint, das ist doch möglich bei Gott.

Und der Friede Gottes, der größer ist als alles Menschliche, bewahre unsere Herzen in Jesus Christus, AMEN.

Autor: Reinhard Behnke

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