Nachgedacht September 2017

Wer die Wahl hat die Qual

Jetzt strahlen sie wieder von allen Bäumen und Laternenpfosten – unsere künftigen Abgeordneten und die, die es gerne werden wollen. Wen soll man das wählen? „Die sagen eh alle das Gleiche!“ Warum soll man überhaupt wählen? „Die machen ja ohnehin, was sie wollen!“ Was bringt eine Wahl überhaupt? „Die reden nur und machen nichts!“. Selbst wenn all diese Einwände wahr wären – was ich nicht glaube – und man das politische Schachern abstoßend findet: Beim Wählen geht es immer auch um unsere Demokratie. Zweihundert Jahre haben engagierte Männer und Frauen darum gekämpft, dass allein die Bürger bestimmen, wer sie regiert – und nicht irgendwelche Monarchen, Päpste oder Diktatoren. Wählen heißt freie Selbstbestimmung – auch wenn wir keine wirkliche Auswahl haben, weil keiner uns vom Hocker reißt.

Aber mal Hand aufs Herz: Wir leben in einem wunderbaren Staat in Frieden und Wohlstand. Seit siebzig Jahren kein Krieg mehr in unserem Land – das hat es auf der Erde wohl noch nie gegeben. Und nicht von ungefähr: Unsere Rechtssicherheit und unseren Sozialstaat, unsere europäische Friedensordnung und unser liberales Wertesystem verdanken wir zahllosen klugen Entscheidungen von klugen Politikern aller Parteien, die von Millionen von klugen Bürgern alle vier Jahre ausgewählt und unterstützt werden. Hervorragend fahren wir seit Jahrzehnten mit unserer Demokratie. Und es gibt keine Anzeichen dafür, dass unser demokratischer Rechtsstaat wirklich in die Krise geraten ist. Es sei denn, man redet diese Krise mutwillig und mit absurden Argumenten herbei. Es sei denn, man unterwandert die Demokratie schleichend auf leisen Sohlen durch Wahlboykott. Wenn immer weniger Menschen eine Regierung wählen, so untergraben sie letztlich das in Jahrhunderten entwickelte bürgerliche Herrschaftssystem. Jede Stimme bei der Wahl egal für welche Partei – selbst die ungültige Stimme – ist ein Ja zur Demokratie. Jeder Wahlboykott aus Protest hingegen ist ein Ja für selbsternannte Autokraten, dreiste Verblender und perfide Lügner vom Schlage Trumps.

In der Bergpredigt preist Jesus selig alle, die sich für Gerechtigkeit einsetzen und für eine menschlichere Welt kämpfen (Matthäus 5,6). Lassen Sie uns protestieren gegen die Feinde der Demokratie. Echte Protestwähler nämlich geben am 24. September ihre Stimme an der Urne ab. Wählen Sie aus dem Parteienaufgebot ihre persönliche Präferenz oder auch nur das geringere Übel. Und wählen Sie damit zugleich das Beste für unser Land. Egal wo Sie Ihr Kreuzchen hinmachen: Sie wählen unter allen denkbaren Herrschaftsformen an diesem Sonntag das gerechteste aller Regierungssysteme und stimmen für die Menschlichkeit, nämlich für unsere Demokratie.

Autor: Martin Schulz-Rauch

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